Worüber wundern wir uns eigentlich?

Der Anschlag in London sei ein Anschlag auf die Werte der Demokratie, hört man es aktuell wieder aus allen westlichen Ländern erschallen. Es ist dieselbe Aussage wie nach den Anschlägen in Berlin, Paris und Brüssel. Wahrer wird sie dadurch aber nicht. Denn warum sollten Terroristen etwas gegen Demokratie haben? Ziemlich sicher ist es eher so, dass den Terroristen unsere Demokratie und unsere „demokratischen Werte“ ziemlich schnuppe sind. Die Terroristen haben keine Wut auf den Westen (und hier vor allem auf die USA, Großbritannien, Frankreich und auch Deutschland), weil der angeblich „demokratische Werte“ vertritt. Es geht den Terroristen um viel Grundsätzlicheres, es geht ihnen um die reine Existenz, um Leben und Tod in ihren Herkunftsländern. Es geht um die imperiale Geo- und Wirtschaftspolitik des Westens, die weite Teile der Erde verwüstet und Millionen Menschen in Armut und Krieg und Tod schickt. Es geht um die westliche Verlogenheit, Wasser zu predigen und Wein zu trinken auf Kosten anderer. Worüber wundern wir uns also?

Grund zur Wut 

Die Anschläge jetzt sind erst der Anfang. Denn viele Länder, viele Bevölkerungsteile der Welt haben ganz objektiv besehen allen Grund, wütend auf den Westen zu sein. Denn entweder zerstört der Westen durch seine expansive und ausbeuterische Wirtschaftsweise die lokalen Märkte und Wirtschaftskreisläufe und bringt Armut und Elend und Tod über weite Bevölkerungsteile. Oder er mischt sich mit unlauteren und verbotenen Mitteln in lokale Politik und Machtkämpfe ein, versucht (selbst demokratisch gewählte!) Regierungen zu stürzen und destabilisiert, wenn es opportun erscheint, ganze Regionen und stürzt sie in den Krieg – was ebenso weite Teile der Bevölkerung in Armut und Elend und Lebensgefahr bringt. Warum wundern wir uns also? Würden wir nicht auch wütend werden, wenn andere Länder immer und immer wieder versuchten, unsere Regierung zu stürzen? Oder wenn sie beispielsweise die RAF damals oder den NSU heute ganz massiv mit Geld und Waffen unterstützten, um die innere Lage zu destabilisieren? Würden wir nicht auch wütend werden, wenn andere Länder durch unfairen Handel unsere lokalen Märkte zerstörten und uns in bitterste Armut brächten? Unsere bisherige Wirtschaft bräche zusammen, viele Menschen würden Arbeitslos und könnten sich die überteuerten Importe nicht mehr leisten? Würden wir dann nicht auch wütend werden?

Natürlich ist die Welt nicht schwarz-weiß. Aber das ist genau das, was wir seit vielen Jahren zu hören bekommen. Der gute, friedliebende Westen mit seinen christlichen, humanistischen Werten und der böse, militaristische Osten mit seinen extremistischen, islamistischen Werten. Die anderen wollten unsere vorbildliche Lebensweise zerstören und wir wehren uns eigentlich nur dagegen, wird uns erzählt. Wir verteidigten doch nur unsere Freiheit in Deutschland am Hindukusch. Dass die Geschichte eine etwas andere ist, nämlich dass wir in unserem weißen Schafspelz oft selbst der Aggressor sind und der Extremismus und Terrorismus und auch die einsetzenden massiven Bevölkerungsbewegungen in der Welt zumeist eher eine Antwort auf den Wolf, der darunter steckt, ist, das sagen die Offiziellen und ihre Medien nicht.

Jede Form von Terrorismus ist zu verurteilen und darf nicht schöngeredet werden. Aber Terrorismus entsteht nicht aus sich heraus, sondern ist immer eine Antwort auf etwas. Genauso Fluchtbewegungen. Auch diese entstehen nicht einfach so, sondern sind eine Reaktion auf eine Entwicklung oder Situation in der Heimatregion. Und wenn dem so ist und wenn wir Terror und Flucht ernsthaft bekämpfen wollen, ist die allererste Frage die nach den tatsächlichen Gründen. Warum wird jemand Terrorist und tötet vermeintlich unschuldige Menschen dort und auch bei uns? Warum flüchten Menschen aus ihrer Heimat, anstatt in ihrer Heimat die Situation zu ändern? Diese Fragen gilt es ehrlich und wahrheitsgemäß zu beantworten – und genau das passiert bei uns viel zu wenig. Aber warum ist das so? Warum versuchen wir nicht, die Fragen so gut es uns möglich ist zu beantworten, sondern lügen uns mehrheitlich und offiziell selbst in die Tasche?

Pflicht zur Verantwortung

Vielleicht ist die Wahrheit zu unbequem, denn sie würde Gewissheiten zerstören und in letzter Konsequenz dazu führen, dass wir unsere aktuelle Lebensweise (politisch als auch wirtschaftlich) und unser Selbstbild vollumfänglich und grundsätzlich in Frage stellen müssten. Angefangen vom morgendlichen Kaffee mit dem Aroma, das uns zu verwöhnen verspricht, die Arbeiter auf den Kaffeeplantagen aber in Armut hält und in der weit verbreiteten Kapselform absoluter ökologischer Wahnsinn ist, über billige NoName- oder teure Markenkleidung, die in vielen Fällen unter nicht tragbaren Verhältnissen hergestellt wird, über den Lebensmitteleinkauf, bei dem in einem Großteil der angebotenen Produkte billigstes Palmöl aus Asien steckt, das Regenwald zerstört und wiederum Menschen versklavt, bis hin zum Smartphone oder Fernseher, der Seltene Erden und sonstige Metalle aus Afrika benötigt.

Natürlich gibt es immer gute Ausreden für das individuelle Verhalten. „Immerhin haben die Arbeiterinnen in Asien einen Job.“ Oder: „Es ist ja ganz gleich, ob ich billige oder teure Klamotten kaufe, die werden doch immer unter denselben Bedingungen hergestellt.“ Alles richtig, alles gut. Aber das ändert an den unmenschlichen Produktionsverhältnissen rein gar nichts und entlässt uns Konsumenten nicht aus unserer Verantwortung! Immerhin rühmen wir uns der Aufklärung, so dass wir uns schlechterdings nicht mehr hinter einer selbstverschuldeten Unmündigkeit verstecken können.

Vielleicht ist diese Unmündigkeit auch nicht ganz selbstverschuldet, denn unmündige Bürger sind für die Regierenden und wirtschaftlichen Eliten ziemlich bequem. Das unüberschaubare Warenangebot in nahezu allen denkbaren Bereichen führt dazu, dass wir wunderbar abgelenkt sind und darüber grübeln können, welches Handy, welches T-Shirt, welche Sneaker, welchen Fernseher wir uns als nächstes kaufen wollen – nicht weil wir müssten, sondern weil wir wollen. Der herrschende Konsumismus lenkt wunderbar ab von unserer politischen Verantwortung. In Verbindung mit der offiziellen Erzählung, dass wir Opfer des Terrorismus und nicht sein Geburtshelfer sind und dass unser gutes Leben in Gefahr wäre, lassen sich wunderbar die Augen vor der Realität verschließen. Und solange das so gut funktioniert, gibt es auch keinen Grund, irgendetwas zu ändern.

Ganz im Gegenteil lässt sich der offiziell ganz unverschuldet über uns gekommene Terror und die Flüchtlingsströme wunderbar instrumentalisieren. Das Militärbudget müsse aufgestockt werden, damit wir uns noch besser am Hindukusch verteidigen können und unseren Pflichten als NATO-Mitglied gerecht würden. Und es müsse natürlich das Überwachungsnetz massiv ausgebaut werden. Der öffentliche Raum als grundsätzliche Gefahrenzone müsse deutlich stärker überwacht werden, um Terroristen frühzeitig zu stoppen. In sich ein wunderbares System, in dem sich alles perfekt ineinander fügt. Da wäre es äußerst schlecht, wenn durch tatsächliche Aufklärung ein Baustein herausfällt und das ganze Gebäude zusammen zu stürzen droht.

Wohin soll das ganze nur führen?

 

 

 

Gewiss wird man mir „Gutmenschentum“ und Naivität vorwerfen. So funktioniere die Welt nicht. So einfach sei das alles nicht – und mir ist natürlich bewusst, dass ich wirklich stark, vielleicht unzulässig stark, vereinfacht habe. Das mag alles stimmen, aber es deshalb nicht zu versuchen, nicht danach zu streben, ein gutes Leben zu führen, ist sicher auch keine Lösung. Von Harry Rowohlt gab es lange eine Kolumne in der ZEIT „Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand“, in der er naiv, aber hintersinnig die Welt beobachtete und hinterfragte. Es liegt mir fern, mich auch nur annähernd mit dem brillanten Harry Rowohlt vergleichen zu wollen, vielmehr komme ich mir oft vor wie ein Bär von sehr geringem Verstand. Meine Wahrnehmung ist so anders als das, was ich in den Nachrichten höre, meine Gedanken und Assoziationen kommen mir oft naiv und dumm vor – aber: ich kann nicht anders, als eben diese Gedanken zu haben und weiterhin an eine bessere Welt zu glauben. 

Es gibt viele Bücher, die eine andere Geschichte erzählen und zumindest zum Nachdenken anregen. Hier eine willkürliche Auswahl: 

Ganser, Daniele: Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren. Eine Chronik von Kuba bis Syrien.  Orell Füssli, 2016. 

Hartmann, Kathrin: Aus kontrolliertem Raubbau: Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Blessing, 2015. 

Lüders, Michael: Die den Sturm ernten. Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte. C.H.Beck, 2017. 

Meyer, Thomas: Die Unbelangbaren: Wie politische Journalisten mitregieren. Edition suhrkamp, 2015. 

Ziegler, Jean: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. btb, 2013. 

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3 Antworten zu Worüber wundern wir uns eigentlich?

  1. Fred Heine schreibt:

    Schon wieder: die Welt ist schlecht und wir sind daran schuld. Diese auf links gedrehte Lieschen-Müller-Erklärungswelt kann einem schon auf den Sack gehen. Je komplexer das problem, desto einfacher die Antwort. Oder anders ausgedrückt: Donald Trump auf sozialromantisch.

    • zwuckelmann schreibt:

      Sie müssen es ja nicht lesen. Im übrigen ist ja mein Punkt, dass die offizielle Version in keiner Weise differenzierter ist, sondern genau so einseitig und vereinfachend.

    • zwuckelmann schreibt:

      Und eine Frage noch: beuten wir nicht aus? Führen wir keinen Krieg in fremden Ländern? Aber die Keule Sozialromantik ist natürlich schneller geschwungen als Argumente vorgebracht.

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