Im Namen des Vaters …

Taufe1An vielen Stellen im Stuttgarter Talkessel wird im Rahmen von Stuttgart 21 gebaut. Das heißt, eigentlich wird vorwiegend erst einmal zerstört, um sogenannte Baustellen- und Logistikflächen einzurichten, bevor es dann eines Tages ans „richtige“ Bauen gehen soll. Wenn dann vielleicht auch die nötigen Genehmigungen und Planfeststellungen vorliegen – oder eben auch nicht, das scheint niemanden so recht zu stören.

Um zumindest immer einmal wieder den Anschein zu erwecken, als würde alles prächtig vorangehen, wurde heute Vormittag erneut eine Tunneltaufe vorgenommen. Im Fasanenhof wurde unter großem Aufgebot von Profiteuren, Förderern und sogenannten „kritischen“ Begleitern des Immobilienprojekts der neun Kilometer lange Tunnel hinab in den Kessel auf den Namen „Tülay Tunnel“ getauft – nach Tülay Schmid, der Frau von Finanzminister Nils Schmid. Neben den Schmids waren unter anderem auch Rüdiger Grube, Fritz Kuhn, Wolfgang Schuster, Michael Kaufmann und Peter Pätzold anwesend.

Die Stuttgarter Zeitung twitterte aus dieser exklusiven Runde zwei vielsagende Nachrichten: „Den Zeitplan bei der Tunneltaufe haben sie nicht ganz eingehalten“ und „Erst beim zweiten Druck auf den roten Knopf läuft die Bohrmaschine an“. Beide Pannen sind ziemlich typisch für den bisherigen Verlauf des gesamten Megaprojekts: der Zeitplan wurde bereits häufiger angepasst und es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich die Inbetriebnahme erneut um einige Jahre verzögert, und dies nicht nur wegen von der Bahn sehr spät eingeleiteter Genehmigungsverfahren, sondern vor allem auch wegen zahlreicher technischer Probleme, mit denen die Bahn schon jetzt zu kämpfen hat. Ob die Anwesenden vor dem riesigen Tunnelbohrer des Kretschmann-Freundes Herrenknecht auf die Knie gefallen sind, davon twitterte die StZ nichts. Zumindest im Geiste wird manch einer erstarrt sein vor so einem großen Bohr-Ding. (Ob der Bohrer nun anstandshalber auf den Namen „Nils“ getauft werden muss, auch dazu ist mir nichts zu Ohren gekommen. Wir dürfen gespannt sein.)

Die ganz hohe Prominenz wird einen Hintereingang in das Baustellengelände gefunden haben, denn über die offizielle Zufahrt zu der Baustelle über die Schelmenwasenstraße kamen nicht alle zu dieser Feier defiliert. Herr Schuster wurde dort gesichtet, auch Herr Pätzold, Herr Kaufmann kam über diese Straße, ging nach einer halben Stunde aber auch schon wieder. Viele andere waren auf dieser Straße nicht gesehen. Sie hätten ansonsten durch ein Spalier von circa 200 Demonstranten laufen müssen, das von einem großen Polizeiaufgebot auf sicherem Abstand gehalten wurde. Mit zahlreichen Plakaten, Transparenten und Schildern protestierten sie lautstark gegen dieses Immobilienprojekt, bei dem zahlreiche Fragen, angefangen von der Finanzierung bis hin zu maßgeblichen Planungsabschnitten, noch nicht geklärt sind. Die berechtigte Kritik interessierte die Gäste wenig, wie man aus ihren doch zumeist sehr überheblichen Mimiken ersehen konnte. Umso besser war es jedoch, dass so viele Demonstranten anwesend waren.

Da die Gegend dort oben ziemlich unübersichtlich ist, wurden an verschiedenen Stellen immer wieder kleinere Protestaktionen durchgeführt. Angefangen von einer Straßenblockade der Schelmenwasenstraße über zwei große Transparente an der Autobahn und einigem mehr bis hin zu Mönchsgebeten und -gesang und einer Predigt war es ein buntes Treiben dort oben. Damit die Polizei alles im Griff behielt, wurde sie tatkäftig unterstützt von der Stadt Stuttgart, die laut Polizei Gefährungsgebiete ausgewiesen hatte und auch auf Blockadeaktionen prompt mit städtischen Anordnungen reagierte. Vielleicht hat Herr Kuhn die notwendigen Formalitäten gleich vor Ort unterschrieben, wer weiß.

Insgesamt war es gut, dort vor Ort gewesen zu sein, um dieser verlogenen und teilweise feigen Bande einmal wieder zu zeigen, dass es uns noch gibt. Die nächste Gelegenheit wird Anfang August im ehemaligen Schlossgarten sein, wo die erste Baugrube ausgehoben werden soll. Auch dort werden wir uns gerne zu den feiernden Profiteuren gesellen, denn es ist unsere Stadt, es ist unser Mineralwasser, unser Schlossgarten und nicht zuletzt ist es unser Geld, von dem sie profitieren.

Oben bleiben!

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14 Antworten zu Im Namen des Vaters …

  1. Fred Heine schreibt:

    „für S21 = blöd oder korrupt.“ ist auf einem der Fotos zu lesen. Man wirft der Bahn und den Politikern Arroganz vor – und ist sich selber nicht zu schade für die ekligste Überheblichkeit. Man wirft der Bahn Lügen vor – und lügt den Leuten skrupellos seit Jahren die „Alternative K21“ schön. Die Antwort auf die Lügen und die Arroganz der S21-Gegner gab es bei der Volksabstimmung. Nicht einmal alle Innenstadtbezirke haben die Gegner gewonnen!

    • Innenstadtbewohner schreibt:

      Wissen sie noch, Herr Fred Heine,als sie 2011 alle Menschen die gegen den Wahnsinn S21 auf die Strasse gingen in den Stuttgarter Nachrichten als > Autisten beschimpften?<
      Die Menschen sind immer noch auf der Strasse, immer mit neuem Thema. Nur sie bellen immer noch in der gleichen selben Tonlage von damals. Da muss doch was nicht stimmen mit Ihnen.

      • Fred Heine schreibt:

        Ei, ei, gleich mehrere Unterstellungen Ihrerseits: erstens habe ich niemanden beschimpft. Seit Jahren fällt mir nur auf, dass vermeintlich „kritische Leute“ ganz offensichtlich völlig unfähig sind, sich selber kritisch zu betrachten. Und wegen des mittlerweile wirklich dürftigen Häufchens Rest-Protestierender müssen Sie sich nun wirklich selber fragen, ob da nicht die Autisten innerhalb des Widerstands einfach übrig geblieben sind. Was meinen Sie denn mit „immer mit neuem Thema“. Ich bin ja nun wirklich recht häufig Gast bei den Montagsdemos. Wirklich Neues habe ich allerdings dortschon lange nicht mehr entdeckt …

    • Innenstadtbewohner schreibt:

      …Einfach mal die Tarnkappe absetzen, auf die Demobühne gehen und gegen den Protest wettern. Wenns der Mut zuläßt, ohne Ohrenstöpseln !

      • Fred Heine schreibt:

        Uahaha, i lach me hee! Ausgerechnet „Innenstadtbewohner“ fordert, die TARNKAPPE abzusetzen?? Versteckt sich selber hinter einem billigen Pseudonym, traut sich selbst nicht einmal in einem Forum aus der anonymen Heckenschützenposition – und fordert von anderen ein offenes Visier? Innenstadtbewohner, you made my day … 😉 Nur damit keine Missverständnisse entstehen, ich schreibe nur unter meinem echten Namen. So was nennt man Courage, lieber „I N N EN S T A D T B E W O H N E R“ (sorry, den Namen muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen 🙂 🙂 🙂

    • Innenstadtbewohner schreibt:

      Einfach lächerlich, ihr Umgang mit dem großen Wort Courage.

    • Liane schreibt:

      Ich kann zu dem merkwürdigen mehrheiten-märchen-zähl-reimen immer nur sagen:
      auch in Leipzig war nur prozentual gesehen eine Minderheit…. und Frau Merkel, die vorher massiv Karriere gemacht hatte, und dann als Wendehälsin im Westen noch höher stieg……………………………………………….
      war in der Sauna!!!

      und wer Arrogant und überheblich ist, konnte ich die ganzen Jahre vor 2010 verfolgen! tricksen, täuschen, lügen, verstecken, schummeln, erpressen, bestechen….
      waren offensichtlich Politischer Alltag (und sind es stärker und massiver denn je!!!)
      und ich behaupte immer noch ….. div PuffGänge gehören zur politischen Meinungs-Bildung!!……….
      denn anders ist mir nicht erklärlich, warum Tiefensee VOR der Anreise der schwäbischen Deligation GEGEN die Verschwenung von Verkehrsgeldern war… und dann plötzlich DAFÜR!
      ohne Benennung von Wendehals-Begründungen!!!!

      Also schauen SIe auch mal ab und an in den eigenen Spiegel!!

      PS: ob sie nur Fred Heine heissen oder Karl Otto oder Manfred Mustermann…. niemand ausser SIe kann sagen, ob SIe echt sind!! so ist das www-Netz…

  2. Klaus schreibt:

    Haben PolitkerInnen ein eigenes Bewusstsein? Sicher. Gott hat es ihnen ja gegeben. Als Menschen. Aber was machen diese draus? Lieber Herr Papst in Rom: „Ich bitte Sie heute hiermit in aller Klarheit, Wahrheit und Herzlichkeit, die Menschen, die die Hauptanliegen der christlichen Lehre – also die von Jesus Christus – noch nicht einmal ansatzweiße erfüllen – HEUTE und DIREKT aus der Kirche hinaus zu ex-kommunizieren. Denn was ihr dem Geringsten antut, das tut ihr mir an. Waren seine Worte.“ Danke, Herr Papst. So viel Mindestanforderung an den Erhalt der Schöpfung muss sein. Wie soll es sonst weitergehen? Oder gar: besser werden? Mit dem Bewusstsein?

  3. Pingback: Weihwasser hilft nicht gegen Lug und Trug | Schwabenstreich Calw

  4. Peter schreibt:

    „verlogene und feige Bande“
    Schade, wenn Auseinandersetzungen um einen Bahnhof zu solch persönlichen Diffamierungen führen…

  5. Liane schreibt:

    es hat mich auch geschockt im Jahre 2010 von wildfremden Menschen mit “man sollte Euch alle vergasen”, man sollte Euch alle an die Wand stellen und vielem Anderem direkt ins Gesicht und dann schnell weglaufend bedacht zu werden. und es hat mich noch mehr geschockt wie jene die ihren Finger hoben um “für das Gemeinwohl” zuständig zu sein, sich hinter Türmen, Zeitungen und anderem verschanzten und von dort massiv verbal “schossen”.
    auf hitzige Diskussionen war ich eingestellt, auf diese Form der verbalen und teilweise körperlichen Entgleisung der “Biedermeier” nicht! Aggressiv, persönlich diffamierend, und überhaupt keine Akzeptanz der “Meinung Andersdenkender” gegenüber.
    Als das Zelt im Park feige angesteckt wurde und billigend Menschenmord in Kauf genommen wurde ist mir echt kaum noch was eingefallen…. vom 30. ganz zu schweigen!

  6. demoschlampe schreibt:

    jetzt zieht man die heiligen schon beim bau mit hinein mögen die sich auchstreiten dan wäre das chaos perfekt.
    mögen den irdischen das projekt niemals gelingen und die suse in tyülei sich so verkeilen das sie maschine auseinander schrauben müssen.
    demoschlampe

  7. demoschlampe schreibt:

    das nächste ereigniss steht jetzt an. ist da am 05.08. auch wieder der göttliche segen im spiel oder fällt er diesmal aus.
    einige aus der bewegung wollen tranzparente an den bauzaun hinhängen das wird leider nicht gehen da die die schlümpfe schon vorher absperren.und luftballons steigen lassen nun ja wer meint das er die steigen lassen will der soll es tun.
    andere aktionen finden schon kein gehöhr mehr.
    aktzente muss man setzen aber nicht so wattebauschpolitik betreiben wie manch einer.
    demoschlampe

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