Stuttgarter Demarkationslinien zur Bundestagswahl

„Die Demarkationslinie des Politischen verläuft heute zwischen Zukunftsfeindlichkeit und Zukunftsfähigkeit.“ (Harald Welzer) Dieser Satz bringt den Konflikt um den Stuttgarter Hauptbahnhof sehr treffend auf den Punkt – doch anders, als die Befürworter des Immobilienprojekts es immer implizieren. Der Protest um Stuttgart21 ist ein Protest gegen Zukunftsfeindlichkeit und für Zukunftsfähigkeit, gegen blinde Wachstumsgläubigkeit und für vorausschauende Verantwortung, gegen kopflose Gigantomanie und für notwendige Bescheidenheit, gegen die neoliberale, ökonomistische Marktlogik des 20. Jahrhunderts und für eine neue, noch auszuformulierende Soziallogik des 21. Jahrhunderts.

So ziemlich alles an dem neuen Bahnhofsprojekt ist purer Wahnsinn. Wir nehmen in Stuttgart ungeheuer viel Geld in die Hand, um zukunftsfähige, erweiterbare Eisenbahninfrastruktur in einen kleinen, schmalen, nicht erweiterungsfähigen unterirdischen Trog zu pressen. Ist das vorausschauend? Wir geben Milliarden aus, damit wir im besten Fall, wenn das fragile Eisenbahnsystem denn einmal fehlerfrei funktioniert, wenige Minuten schneller in München sind, anstatt das fragile System selbst zu stabilisieren. Ist das vernünftig? Wir betonieren die wenigen, wertvollen Grünflächen in der Innenstadt zu, um fantasielose Konsumtempel für Immobilienspekulanten zu errichten. Ist das lebenswerte Stadtentwicklung? Wir bohren 60 Kilometer Tunnel unter einer der am dichtesten besiedelten Städte mit dem zweithöchsten Mineralwasservorkommen Europas hindurch, allein um potenzprotzend zu zeigen, dass so etwas mit dem größten Bohrer der Welt, der natürlich aus Baden-Württemberg kommt, technisch möglich ist. Das erscheint mir alles nicht vernünftig und zukunftsfähig – sondern ausgesprochen dumm und kurzsichtig.

Das Frustrierende an dieser Situation ist, dass die Ablehnung dieser falsch verstandenen, im Kern vollkommen veralteten „Zukunftsgläubigkeit“, dieses unbedingten Weiterso, die sich im neuen Bahnhof widerspiegeln, in keiner Partei ihre Entsprechung findet. Für Bahnhofsgegner gibt es im Grunde genommen keine wählbare Partei, da alle Parteien verhaftet sind in der zukunftsfeindlichen Logik des neoliberalen Höher-Schneller-Weiter, im absoluten Konsumismus und in der lobbygetriebenen Markthörigkeit auf Kosten zukünftiger Generationen. Selbst die Grünen, und das haben wir schmerzhaft nach der Landtagswahl festgestellt, folgen blind dieser Logik, nur dass es eben immer mehr Bio und immer mehr Öko sein muss – anstatt diese Wachstumsreligion selbst in Frage zu stellen. Vielleicht entwickeln sich die Piraten dereinst zu einer wirklich fortschrittlichen, zukunftszugewandten Partei (der Parteitag lässt hoffen), aber bis heute sind viele ihrer Inhalte zu unklar, viele Ziele noch nicht formuliert.

Doch was heißt das für die Bundestagswahl? Natürlich kann man die Linke wählen, damit es eine möglichst starke Opposition geben wird. Doch auch die Linke ist veraltet in ihrer inhaltlichen Ausrichtung, denn die Konfliktlinie verläuft schon lange nicht mehr zwischen „links“ und „rechts“. Die Markthörigkeit der Linken ist zugegebenermaßen weniger stark ausgeprägt. Aber ob die Kader dieser Kalten-Kriegs-Partei fähig sind, Dinge wirklich neu zu denken, wage ich stark zu bezweifeln.

Für mich gibt es deshalb bisher nur eine ernsthafte Alternative. Ich werde mit Gleichgesinnten erneut die „Gläserne Urne“ aufstellen und meine Stimme dort einwerfen. Es handelt sich nicht um eine „Proteststimme“ im eigentlichen Sinne. Ich zeige mit dieser Wahl nur, dass mir das derzeitig vorhandene Parteienspektrum keine andere Wahl lässt. Es gibt keine Partei, der ich meine Stimme geben kann, gleichzeitig möchte ich aber wählen gehen. Meine Stimme in der „Gläsernen Urne“ macht auf diesen Mangel an Zukunftsorientierung der bestehenden Parteien aufmerksam.

Oben bleiben!

P.S. Für alle Interessierten, die mithelfen möchten, die „Gläserne Urne“ zu verbreiten, gibt es heute Abend nach der Montagsdemo ein Treffen im Forum3 (siehe hierzu auch: http://www.mitmachen-ohne-mitzuspielen.de)

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4 Antworten zu Stuttgarter Demarkationslinien zur Bundestagswahl

  1. Arnold schreibt:

    Ich fühle mich an den Film „Matrix“ erinnert. Im Film werden die Menschen von Maschinen in einer Traumwelt gefangen gehalten und dienen den Maschinen als Energielieferanten. Unsere tatsächliche Realität sieht ähnlich aus. Es gibt zwar keine Maschinen aber es gibt eine kleine Minderheit von Menschen, die die Arbeitskraft und geistige Intuition der großen Mehrheit zum eigenen Wohl ausbeuten. Zu diesem Zweck wird die große Masse in einer Traumwelt gehalten. Stuttgart 21 ist Teil dieser Traumwelt. Das Projekt hatte stets nur den Zweck Energien von der arbeitenden Masse auf eine kleine Minderheit von Vermögenden oder in Anlehnung an „Matrix“, von mir so genannten „Maschinen“ zu lenken.
    Das Projekt ist, wie hier beschrieben, derart überzogen, dass einige Menschen aus dieser Traumwelt aufwachten und nun mit bereits zuvor Wachgewordenen dagegen demonstrieren.
    Leider sind die „Träumer“ noch immer in der Mehrheit und sie lassen sich von der Traummaschine der Medien immer noch weismachen, S 21 sei Fortschritt und dessen Gegner Fortschrittsverhinderer.
    Nebenbei bemerkt: Im Sinne der „Maschinen“ ist S 21 tatsächlich Fortschritt. Es handelt sich um eine qualitativ neue Art Arbeitskräfte freizusetzen; denn erstmals werden Menschen dazu gebracht für ein Großprojekt zu arbeiten oder sich gar zu begeistern, das ihnen praktisch nur Nachteile bringt.
    Die Dreistigkeit mit der dieses Projekt überhaupt erst begonnen wurde ist nicht ohne Risiko denn es könnten zu viele „Träumer“ aufwachen und damit die „Maschinen“ vom Thron stürzen.
    Die Bundestagswahl wird hier eine weitere Nagelprobe sein. Auch wenn die Grünen nicht mehr den Idealismus ausstrahlen wie vor 25 Jahren und dank deren angepasster Parteispitze diese für die „Maschinen“ keine Gefahr mehr darstellt , so halte ich doch ein Ansteigen der Stimmen für diese Partei für ein Anzeichen, dass ein aufwachen von „Träumern“ begonnen hat. alarmierend für die „Maschinen“ wäre ein Anstieg der Linkspartei denn dieser zeigte allen sichtbar, dass die Medienparalyse, die nicht müde wird, diese Partei als unfähig und gefährlich darzustellen, in ihrer Wirkung nachliese. Die Einstufung dieser Partei als „Kalte-Kriegs“ Partei scheint mir ebenfalls wie eine Wirkung dieser Medienparalyse. Jede Partei, die auch erfahrene Politiker hat, hat „Kader“, die den kalten Krieg erlebt haben. Ich denke wir sollten hier wachsam sein.
    Die gläserne Urne mag als Protest sicher konsequent sein, jedoch hat sie den Nachteil, dass sie von den Medien ignoriert werden kann (und bislang auch ignoriert wurde); wohingegen das Wahlergebnis der Parteien für jeden sichtbar veröffentlicht wird. Zudem wird die gläserne Urne unsere Regierung sicher nicht bei jeder Bundestagssitzung auf deren Verfehlungen hinweisen. Ich stelle mir vor, dass es von den „Maschinen“ sogar als Erfolg gefeiert würde, wenn die Linkspartei zugunsten der gläsernen Urne Stimmen verlöre.
    Da die gläserne Urne als Partei im Bundestag ohnehin nie auftauchen kann, kann man abgesehen davon auch gleich irgend einen aussichtslosen Kandidaten oder solch eine Partei wählen, der bzw. die die eigenen Vorstellungen am besten vertritt.

  2. Joe schreibt:

    Die 4 Parteien Partei ( FDP,SPD,CDU,Grüne) ist nicht wählbarbar – Die Linke macht zwar noch politische Arbeit im Sinne von kleinen und großen Anfragen – hat aber in der Realpolitik in diversen Landes/Stadtparlamenten komplett versagt (siehe Berlin).
    Das (vermeintlich) kleinere Übel zu wählen kommt für mich seit Jahren nicht mehr in Frage, denn die Legitimation, die hieraus von den politischen Haupttätern gezogen wird, macht keinen Unterschied zwischen 100% Anhänger und dem Verlegenheitswähler.
    Normalerweise sollten das auch viele der S21-Gegner verinnerlicht haben – leider sind die meisten so betriebsblind wie hochbezahlte Profipolitiker.
    Der Scherbenhaufen auf den der S21-Restprotest jetzt blickt, ist genau das Ergebnis dieser Betriebsblindheit und Ignoranz ! Dass bis heute noch immer in div. Foren die sich mit S21 befassen Loblieder auf die Grünen gesungen werden, dass sie weiter im S21 öffentlich eine Plattform geboten bekommen, dass sie Wahlkampf von der Montagsdemobühne herab machen dürfen…..wenn der Preis für diese Machtspielchen der Tiefbahnhof ist, tausende Verfahren, Ordnungswidrigkeiten und Strafbefehle die von Aktiven S21-Gegnern bezahlen werden müssen….dann war so ziemlich alles ein großer Irrtum.

  3. Thomas schreibt:

    Besteht die Möglichkeit eine Veranstaltung auf die Beine zu bringen im Rahmen einer Erststimmenkampagne. Diejenigen die keiner der in den Bundestag einziehenden Parteien hätten die Möglichkeit ihre Parteienstimme durch ankreuzen einer exotischen Partei demokratisch zu schreddern. Dabei bestünde aber die chance bei Direktmandaten, das Zünglein an der Waage zu spielen. Ich denke dabei insbesondere an die reizenden Kaufmann und Özdemir. Man sollte den aussichtsreichen Kandidaten das Forum zum Erststimmen einwerben geben. Herr Kaufmann könnte zum beispiel zum Besten geben wieso er als Einziger im Haushaltsausschuß des Bundes für S21 Partei ergriff.

  4. nixle schreibt:

    Von wegen september-blues:
    schwarze mächte am werk

    der bahnhof liegt in trümmern
    das gleisgebirge zerbricht
    es waren nicht die russen
    und auch die amis nicht.

    sie stehn mit dem teufel im bunde
    und mit dem papst in rom
    sie heben das glas in der runde
    und strafen den bürger mit hohn

    sie wissen, ihr reichtum wird kommen
    sie wissen, ihr wille geschieht
    selbst wenn dabei der bürger
    nur noch blind aus den augen sieht

    sie graben im finsteren tunnel
    des volkes fürstliches grab
    und machen aus schotter kohle
    und drehn uns das quellwasser ab

    schwarz rot gelb ist die farbe
    der lügenkoalition
    schwarz rot gelb sind die särge
    das haben wir dann davon

    bürger, vertreibt die schwarze magie
    und verlasst eure vier wände
    am wahltag das richtige kreuzchen gesetzt
    und schon hat der spuk ein ende

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