Die philosophische Komponente von Stuttgart 21

Es ist alles im Fluss. Nichts währt für immer. Alles ist vergänglich. Diese Weisheiten bringt die Bahn ein ums andere Mal uns Stuttgartern nahe. Deshalb plant die Bahn nicht verbindlich, sondern nur in Zwischenständen. Sämtliche Kostenstände, die seit Jahren in verschiedener Höhe kursieren, sind Zwischenstände. Auch die Grundwassermenge, die aus dem Stuttgarter Untergrund entnommen und andernorts wieder eingepresst werden muss, war ein Zwischenstand und hat sich nach 18 Jahren Planung kürzlich verdoppelt. Nicht zu vergessen die nun doch nötigen Bohrpfähle, die in der Gips-Schicht den Trog und Düker vom Aufschwemmen abhalten sollen, waren bis vor kurzen nicht nötig. Selbst Planfeststellungen sind für die Bahn immer nur Zwischenstände und nicht verbindlich. Hauptsache, dass sie sich auf ein Baurecht berufen kann, das aus einem längst überholten Zwischenstand resultiert. Das Baurecht selbst ist davon übrigens nicht betroffen, es ist das einzige bei Stuttgart21, was kein Zwischenstand ist und Bestand hat.

Dabei trifft die Bahn nie Schuld, denn alles ist im Fluss. So auch der Brandschutz, der sich bei Stuttgart21 wiederholt und gutachterlich bestätigt als katasprophal entpuppte. Wolfgang Dietrich, Sprecher des Kommunikationsbüros von S21 wollte gestern im Fernsehen glauben machen, dass das dramatische Ergebnis vor allem auf die im Jahr 2010 geänderten Brandschutzvorschriften zurückzuführen sei. Wenn man ihm glaubt, hieße das, dass es vor 2010 in Ordnung gewesen wäre, wenn sich der Rauch in der Bahnhofshalle sammelte. Auch wären vor 2010 den Menschen zur Selbstrettung 30 Minuten Zeit eingeräumt worden und nicht wie heute nur 15. Außerdem brauchten sich rettende Menschen damals nicht so viel Platz und auch die Wege durften länger sein. Erst durch die Änderungen im Jahr 2010 wäre es nun also nötig, Wege zu verbreitern, Fluchtwege und Fluchttreppen einzuziehen und die Entrauchung ordentlich zu regeln.

Zum Glück ist das ein ganz normaler Prozess bei einem solch großen Projekt. Da kann sich schon einmal das ein oder andere auch dramatisch ändern … ja, weil eben alles im Fluss ist. Das macht aber nichts, denn dann setzt man sich zusammen und bespricht, wie man das Kind aus dem Brunnen bekommt. Es ist auch Wahrscheinlich, dass derartige Änderungen mehr Geld kosten – aber das kann man erst genau sagen, wenn man neu geplant und neu kalkuliert hat. Dann erhält man zumindest einen Zwischenstand, mit dem man mal planen kann, bis die nächste Änderung kommt.

Ich bin froh, dass die Bahn uns immer wieder klar macht, dass alles vergänglich ist und nichts ewig währt. Das gibt doch Hoffnung, dass auch ein Wolfgang Dietrich und ein Stuttgart21 nur Zwischenstände sind – und irgendwann als kleine Episoden in die Geschichtsbücher Eingang finden.

Wir sind gespannt, welche Planungen und welche planfestgestellten Aspekte sich noch als Zwischenstand entpuppen. Und wenn ein Gutachten einen Mangel feststellt, lässt die Bahn das Gutachten begutachten und im Zweifel das begutachtete Gutachten begutachten und das begutachtete Begutachtergutachten begutachten – irgendwann wird schon ein Zwischenstand herauskommen, mit dem man planen kann. Bis zur nächsten Änderung. Oder so.

Oben bleiben!

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3 Antworten zu Die philosophische Komponente von Stuttgart 21

  1. reinhard schreibt:

    und nicht zu vergessen, daß aus einem gutachten plötzlich eine studie wird, die natürlich nur ein zwischenstand ist!
    danke für deinen text! immer hervorragend geschrieben. lese ihn sehr gerne

    gruß reinhard

  2. Chris.S. schreibt:

    Wie immer hervorragend kommentiert,Zwuckelmann.Irgendwann wird es auch der Letzte vestehen, das mit diesen Zwischenständen,die man doch den Projektpartnern nicht mitteilen muss weil es nur Zwischenstände sind,noch viele Milliarden Steuergelder verschwendet.Kein genehmigtes Grundwassermanagement,kein genehmigungsfähiges Brandschutzkonzept,kein geotechnisches Gutachten für das Kernerviertel,ein Bahnhof der bei Windstärke 8 gesperrt werden muss,danke DB, für das bestgeplante Projekt in Europa!

  3. horstosius schreibt:

    ja wie stets, knapp und prägnant, einfach eben Zwuckelmann.
    Doch manchmal ist es gut, dass es Zwischenstände gibt. GRÜN ist auch so ein Zwischenstand. Manchmal dauert der Weg zur Erkenntnis mal länger mal kürzer. Wenn der Verstand aus Machtgelüsten ausgeschaltet wird, dann ist es höchste Zeit für das Volk den Zwischenstand abzuwählen. Für den nächsten Wahlsonntag allerdings eine kniffelige Angelegenheit. Beide Kandidaten sind sich schizophrenerweise einig, dass mit der auf Spruchblasen der Bahn „AG“ konfektionierte „geniale“ Volksabstimmung vom 27.11.2011 der „AG“ Baurecht erteilt wurde.
    Zumindest ein Armutszeugnis für den grünen Politiker Kuhn, der das ganze Schmierentheater der Bahn aus seiner Berliner Zeit in und auswendig kennengelernt haben sollte.
    Kandidat Turner hatte -da parteilos- sich nie richtig vor seiner Einladung zum OB-Kandidaten mit dem Murks 21 befassen müssen. Jetzt bleibt ihm wegen seiner Förderer wie Rommel, Merkel, Schuster &Co nichts übrig als das Nachzuplappern was ihm vorgesagt wird. Wenigstens ehrlich und für jeden erkennbar. Das kann ich bei Kuhn nicht erkennen. Wo steht er nach der Wahl?
    Es ist eben alles im Fluss, um bei der Einleitung zu bleiben.
    nachdenkliche Grüße von
    horstosius

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