Meinungsmache statt Meinungsbildung, Polemik statt Kritik, Ignoranz statt Aufklärung – Zur aktuellen Berichterstattung von #StZ und #SWR zu #S21 #gruenrot und #spanishrevolution

In Wikipedia heißt es zum Thema Massenmedien: „In demokratischen Staaten wird den Massenmedien und insbesondere dem Journalismus häufig die Aufgabe zugeordnet, zur Information und Meinungsbildung der Bevölkerung beizutragen, sowie Kontrolle und Kritik auszuüben. Diese Funktion wird nach Auffassung vieler Kritiker nur unzureichend erfüllt.“

 

Als überaus gutes Beispiel kann für die unzureichende Erfüllung dieser Aufgabe sowohl die Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung als auch die des SWR zu Stuttgart 21 gesehen werden. Während die Aufgabe der Meinungsbildung immer häufiger mit Meinungsmache verwechselt wird, führt die Aufgabe der Kontrolle und Kritik seit langem in beiden Medien ein Schattendasein. Immer wieder hatte es in jüngster Vergangenheit den Anschein, als ob die StZ und der SWR wirklich kritischer berichten würden, diese zarten Journalisten-Pflänzchen werden aber aktuell zertreten durch die altbekannte, linienkonforme, unkritische, unreflektierte, polemische und populistische Berichterstattung. Aufklärung im klassischen Sinne kann man von diesen beiden Medien leider nicht mehr erwarten.

 

Einige aktuelle Beispiele:

 

Der Rückritt des Projektleiters Hany Azers

Sowohl in der StZ als auch im SWR wurde ausführlich über den plötzlichen Rücktritt des Stuttgart21-Projektleiters Hany Azer berichtet. Die von Azer vorgebrachten Gründe für seinen Rücktritt, nämlich die Anfeindungen und Drohungen und das ständige Leben unter Personenschutz, wurde mehr oder weniger unhinterfragt wiedergegeben, obwohl es mehr als genug Hinweise darauf gibt, dass diese Gründe nur vorgeschoben sind. Gewiss ist es keine angenehme Situation, für S21 verantwortlich zu zeichnen, Herr Azer ist genauso wenig wegen seiner Dünnhäutigkeit bekannt. Als öffentliche Person muss er wie jede andere öffentliche Person mit dieser Situation leben. Diese unhinterfragte Wiedergabe der Gründe durch beide Medienanstalten führt jedoch auch dazu, dass der Widerstand gegen dieses Projekt erneut kriminalisiert und verunglimpft wird. Ist vom Widerstand gegen Stuttgart 21 jemals Gewalt gegen Personen ausgegangen? Ist jemals eine Person durch Gegner des Projekts ernsthaft zu Schaden gekommen? Es wird der Eindruck erweckt, als ob es S21-Gegner gäbe, die ein Attentat auf Azer verübt hätten, hätte er nicht Personenschutz. Diese Unterstellung ist schlichtweg absurd – wird aber von den Medien nicht weiter hinterfragt.

 

Neue Berechnungen des zu bewältigenden Grundwasservolumens

Vor wenigen Tagen wurde publik, dass das Grundwasservolumen, das an den Baugruben für Stuttgart 21 durch das Grundwassermanagement abgepumpt und an anderen Stellen in der gesamten Stadt eingepresst werden muss, etwa doppelt so groß wird, wie bisher angenommen. Diese Meldung wurde sowohl im SWR als auch in der StZ verbreitet – aber bis heute nicht weiter kritisch begleitet. Die Bahn plant seit vielen Jahren, und kurz bevor die Gruben ausgehoben werden, erkennt man, dass man nur mit der Hälfte Grundwasser gerechnet hat – das wäre doch durchaus kritische Nachfragen bei der Bahn AG Wert. Das ist aber nicht passiert. Auch die Auswirkungen auf Stuttgart werden nicht thematisiert. Reicht denn die bisherige Anlage des Grundwassermanagements aus, um das doppelte Volumen zu bewältigen? Wenn nicht, was muss getan werden, damit dies möglich ist? Was bedeutet das für die zeitliche Planung des Projekts? Was für die geplanten Rohre, die das Wasser transportieren? Anstatt die Bevölkerung aufzuklären, wird nur die Tatsache berichtet und weiter nichts. Kontrolle? Kritischer Journalismus? Fehlanzeige!

 

Pressekonferenz von Züblin

Gestern war die Pressekonferenz des Bauunternehmens Züblin. Es wurde berichtet, dass Züblin fordert, möglichst zügig Stuttgart 21 weiter zu bauen. Was nicht gezeigt und nicht oder nur versteckt berichtet wurde, war, dass der Vorstandsvorsitzende klar sagte, dass es ihm letztlich egal sei, ob S21 oder K21 realisiert würde, weil Züblin bestimmt von beiden Projekten ordentlich profitiere. Ihm sei nur eine Entscheidung wichtig, wie es nun weitergehe. Pikant und deshalb kaum erwähnt ist der Satz, dass aus Sicht des Züblin-Chefs Stuttgart 21 problemlos realisiert werden können – wenn die Kosten keine Rolle spielten!!! Dieser Satz vom Vorstandsvorsitzenden eines der größten deutschen Bauunternehmungen zu hören, müsste doch aufhorchen lassen und die Medien dazu bringen, kritisch nachzuhaken. Aber auch hier: Fehlanzeige.

 

Zur Sache Baden-Württemberg

Das SWR-Format mit Clemens Bratzler als Moderator zeichnete sich einst durch kritische und neuartige Berichterstattung und Kommentierung von Themen aus, die Baden-Württemberg bewegen. Seit einigen Sendungen sinkt leider das Niveau und erreicht heute voraussichtlich seinen traurigen Tiefpunkt. Während sich in der letzten Sendung die Fragen an Herrn Kretschmann bereits auf einem geistig unerträglichen Niveau befanden, das erschreckte und das weder den Zuschauern noch Herrn Kretschmann gerecht wurde, verheißt die aktuelle Sendung auch nichts gutes. „Kein neuer Bahnhof, weniger Autos, weniger neue Straßen. Kommt mit Grün-Rot nun Stillstand im Autoland Baden-Württemberg?“ „Schüler, Lehrer und Eltern wollen wissen: krempelt die neue Landesregierung das Schulsystem komplett um?“ Man möchte schreien: JAAAA, natürlich! Unter Grün-Rot wird alles schlimm! Wir werden verarmen, wir werden Nehmerland …  Es wird hier mit primitivsten Ängsten gespielt, es wird platt berichtet, nicht etwa kritisch hinterfragt. Eigentlich sollte diese Sendung nicht „Zur Sache“ heißen, sondern besser „BILD-TV“ – das würde dem journalistischen Niveau inzwischen besser entsprechen.

 

Und schließlich: kaum ein Medium in Deutschland und schon gar nicht der SWR oder die StZ berichtete über die bereits mehrere Tage andauernden Massenproteste in Spanien – die sich auch gegen die dortige Regierung und gegen Entwicklungen in Europa richten. Auch dort wäre eine kritische Begleitung wichtig und angebracht – bevor man aber gezwungen wird, kritisch zu berichten und zwangsläufig auch Entwicklungen in Europa und Deutschland in Frage zu stellen, berichtet man in Deutschland offenbar lieber gar nicht! (Update: Tatsächlich berichtet die StZ heute über die Vorgänge in Spanien)

 

Das alles zeigt, dass viele Medien, unter anderem und vor allem auch der SWR und die StZ keinen kritischen Journalismus wünschen. Von unabhängiger Berichterstattung kann wohl keine Rede sein. Der Auftrag, die Bevölkerung aufzuklären und zu befähigen, eine eigene Meinung zu entwickeln, wird klar und bewusst verfehlt. Polemik verdrängt Kritik, Populismus verdrängt die Unabhängigkeit! Armes Baden-Württemberg, armes Stuttgart!

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Eine Antwort zu Meinungsmache statt Meinungsbildung, Polemik statt Kritik, Ignoranz statt Aufklärung – Zur aktuellen Berichterstattung von #StZ und #SWR zu #S21 #gruenrot und #spanishrevolution

  1. makepeace schreibt:

    Zwuckelmann, trefflich auf den Punkt gebracht! Ich habe die letzten Monate damit verbracht, der Presse auf die Sprünge zu helfen. Kann man vergessen, ich begegne nur Ignoranz, Unvermögen und Desinteresse. Auch die Hoffnung, dass dies nach einem Regierungswechsel anders werden würde, habe ich begraben. Sind wir in Deutschland alle miteinander so bräsig geworden, dass wir nicht mehr kritisch Themen begleiten wollen?Oder was machen die StZ, StN, SWP, SWR mit den Journalisten, dass sie so unkritisch sind? Wir alle müssen unseres dazu tun, auch wenn es sehr, sehr mühsam und anstrengend ist. Und nun ist der Post sehr lang geworden, sorry, aber dieses Thema treibt mich um!

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