8.7.2011 #s21 Frühstück am #GWM: „… und wir hoffen, dass Sie friedlich bleiben!“

Lieber Holger,

wiederholt und heute erst wieder hast Du uns als Polizist morgens bei unseren Blockadeaktionen geklagt, dass die Arbeiter, die wir jeden Morgen daran hindern, ihrer Arbeit nachzugehen, so viel aushalten müssten. Dass die Situation der Arbeiter schwierig ist, stimmt, aber ich habe den Eindruck, dass sie sich im großen und ganzen daran gewöhnt haben, erst einmal eine Stunde vor der Einfahrt des GWM zu stehen und sich das „viel Aushalten“ durchaus in Grenzen hält. Nicht anders ist es doch zu erklären, dass sie jeden Morgen routiniert auf der Abbiegespur parken und sich umgehend mit Kaffee und Brötchen aus dem Bahnhof versorgen und daraufhin zeitungslesend im Auto sitzen oder sich mit ihren Kollegen am Auto unterhalten. Den meisten Arbeitern ist auch klar, dass sich unsere Blockadeaktionen nicht gegen sie persönlich richten, sondern gegen das Projekt im Allgemeinen. Natürlich nerven wir, aber eine Blockade geht eben einfach nicht anders.

Lieber Holger, Du hast ja zwei Augen und auch zwei Ohren, mit denen Du sehen kannst, was sich so tut, und womit Du auch hören kannst, was so gesprochen wird. Nun sagst Du auch, dass die Arbeiter deshalb so viel aushalten müssten, weil wir sie ja immer beleidigen würden. Hierzu kann ich Dir nur raten, Deine Augen und Ohren zu benutzen. Heute wie im vergangenen halben Jahr, in dem wir nun schon morgens vor dem GWM stehen, haben wir niemals von uns aus die Arbeiter beleidigt! Dafür lege ich meine Hand ins Feuer! Unsere Wut richtet sich nicht gegen die Arbeiter, genauso wenig gegen die Polizei, sondern gegen das Projekt und die vielen dreist lügenden Protagonisten. Natürlich ist es zu Diskussionen mit Arbeitern gekommen und bestimmt fielen dort auch mal härtere Worte – dies aber immer nur dann, wenn uns ein Arbeiter aus Wut beschimpft oder blöd angemacht hat oder meinte, uns belehren zu müssen, was wir dürfen und was nicht. Erst vor wenigen Tagen stieg ein Arbeiter aus seinem Wagen und beschimpfte uns aufs übelste. Wer hier also beleidigt und wer viel aushalten muss, ist sicher differenzierter zu betrachten, als Du es tust.

Lieber Holger, Du störst Dich daran, dass der Protest und Widerstand ja gar nicht demokratisch sei. Nun, ich bezweifle, dass Du einen so tiefen Einblick in die Strukturen und Prozesse des Widerstands hast, um das fundiert zu beurteilen. Ich kann Dich aber trösten, es gibt genug Gruppen im Widerstand, die sich ausgesprochen basisdemokratisch organisieren. Ein Großteil ist aber überhaupt nicht organisiert, so dass die Kategorie der Demokratie hier gar nicht greifen kann. Ich bin mir sicher, dass es nicht zu verstehen ist, wie man sich ganz ohne Organisation, Chefs, Befehle, Hierarchien ganz freiwillig, aus eigenem Antrieb und aus freiem Entschluss und sogar ohne Verabredung jeden Morgen vor das GWM stellen kann. Aber so ist es! Du magst – wie so viele andere auch – glauben, dass Matthias von Hermann unser Chef ist. Auch da kann ich Dir nur sagen, dass jeder den Job tut, den er tun will – und wenn sich MvH als Pressesprecher sieht, soll er das, das ist mir Jacke wie Hose, ich habe mit ihm nichts zu tun, er mit mir nicht, und trotzdem akzeptiere ich seine Rolle und er die meinige. Ich empfange keine „Befehle“ und richte mich nur nach mir – genauso wie das viele, viele andere machen – und trotzdem funktionierts. Unglaublich, oder? Da spielt die Kategorie „Demokratie“ schlicht und einfach keine Rolle.

Lieber Holger, als Mitglied des Anti-Konflikt-Teams weißt Du bestimmt gut, wie man deeskaliert. Umso erstaunter waren wir heute früh, als wir wie jeden Morgen die Baufahrzeuge an der Einfahrt ins Gelände des GWM hinderten, dass Du uns in Deiner Aufforderung durch den Lautsprecher Deines schönen Polizeiautos darauf hinwiest, dass Du hoffst, dass wir friedlich bleiben würden. Du bist ja nun lange genug dabei, um zu beurteilen, wie unsere Blockade-Aktionen ablaufen. Zur Erinnerung: Wir stehen seit dem 10. Januar dort, das sind bis heute etwa 120 Arbeitstage. Und nun nenne mir bitte einen einzigen Tag dieser 120 Tage, an dem die morgendliche Blockade nicht friedlich verlief? Bitte nur einen? … Aha, siehst Du, da muss irgendwas mit den Synapsen schief gelaufen sein, denn bisher waren die Blockaden IMMER friedlich. Dennoch schön, dass Du hoffst, dass das auch heute so sein möge – und wir haben Dich ja auch nicht enttäuscht, oder?

Deshalb wünsche ich auch Dir, dass Du oben bleiben mögest! Und bitte lass die subtile Kriminalisierung in Deinen Ansprachen und halte Dich an Deinen Zettel, auf dem ja wortwörtlich drauf steht, was Du uns vorlesen musst, um die Blockade korrekt räumen zu dürfen!

P.S. Ach, eins noch: lieber Holger, Du sagst auch, dass so viele abgesprungen seien von „dem Widerstand“ und dass wir immer weniger würden. Du kannst ja mal die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen analysieren (also die echten, nicht die kommunizierten 😉 – und Du wirst sehen, dass das nicht so ganz stimmt. Natürlich sind wir keine 50.000 mehr wie an der Demo nach Eurem grandiosen Wasserwerfereinsatz, aber Du kannst Dir gewiss sein, dass die Zahlen konstant sind oder sogar, nach Eurer übereilten und übertriebenen Hausdurchsuchungsnummer gestern, vielleicht sogar wieder steigen.

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3 Antworten zu 8.7.2011 #s21 Frühstück am #GWM: „… und wir hoffen, dass Sie friedlich bleiben!“

  1. Holger schreibt:

    Lieber Dominik,ich bin nicht der Holger, den Du angesprochen hast, aber wie Du jemand mit 2 Augen und Ohren, die er wie Du auch dazu benutzt, sich darüber zu informieren was andere gesehen und erlebt haben. Die Montagsdemos waren monatelang friedlich, bis es dann am 20.6. plötzlich einen Millionenschaden gab, von dem Du- obwohl vor Ort- so gar nichts bemerkt hast. Die Bilder in jeder Zeitung waren nachher eindeutig . Du wolltest dann in mehreren blog-Einträgen die Schadenshöhe herunterhandeln…Auch von einer GWM Blockade Mitte Juni -da warst Du nicht vor Ort- gabs ein Video bei den Parkschützern das zeigte, wie ein Polizist den Gebrauch des Schlagstocks androhte. Das wurde kritisiert, dummerweise ist auf dem Video aber auch zu sehen, wie der Polizist vorher tätlich angegriffen wurde, und auch ein Hund war im Spiel. Die Mahnung, friedlich zu sein, ist also berechtigt, auch wenn Dir persönlich nie was aufgefallen ist.Angenommen, jemand stellt sich Dir auf Deinem Weg zum Zug jeden morgen so in den Weg, daß Du jedesmal den Zug verpasst. Du hast ihm nie was getan, und seine Begründung erscheint Dir idiotisch. Du reagierst schließlich verbal agressiv, da wird der Typ unverschämt. Anschließend erklärt der Typ allen, Du seist agressiv geworden und deshalb an allem Schuld.Erkennst Du so manchem Deiner Blockadekollegen im Kontakt mit den Arbeitern?Also bitte immer friedlich bleiben und gegenüber den Arbeitern geduldig-freundlich agieren. Die haben genug Stress mit ihrer Arbeit.Holger

  2. Zwuckelmann schreibt:

    Lieber Holger,natürlich kann ich nur von dem berichten, was ich sehe und höre. Ich habe keine Bilder vom 20.06. gesehen, die einen Millionenschaden erahnen lassen (zumal nach nicht einmal einem halben Tag ein Schaden von über einer Million im Raum stand – wo ich mich frage, wie man das so schnell berechnen kann). Aber das ist wahrscheinlich nebensächlich. Ich kann auch nichts zu Deiner Erwähnung des Polizisten, der angegriffen wurde, sagen, weil ich es offenbar nicht mitbekommen habe. Vielleicht muss auch ich noch stärker Augen und Ohren nutzen und natürlich kann man nicht überall sein.Zu Deiner Schilderung der Situation mit den Arbeitern gebe ich Dir vollkommen Recht. Das ist eine sehr heikle Situation und bestimmt ist von uns, die wir ja Grund für die Verärgerung der Arbeiter sind, in einem wesentlich stärkeren Maße Mäßigung und Friedfertigkeit gefordert, selbst und gerade wenn ein Arbeiter schimpft. Und dass sie genug Stress haben, ist bestimmt so. Aber die Blockadekollegen, mit denen ich tagtäglich vor dem Tor stehe, erkenne ich in Deiner Schilderung nicht – was nicht heißt, dass es bei Blockaden von 50 bsi 100 Leuten nicht doch auch solche Situationen gibt.Ich versuche, dafür zu sorgen, dass wir den Arbeitern gegenüber geduldig-freundlich bleiben, friedlich bleiben wir sowieso!

  3. Ms Wassermanagement schreibt:

    Lieber Dominik, super Brief!Lieber Holger,wie Du schreibst, scheinst Du doch der angesprochene zu sein?Züge verpasst weil die Bahn es nicht schafft, sie pünktlich fahren zu lassen!!! Der Zug meiner Kollegin (aus Vaihingen/Enz kommend) hat fast jeden Tag Verspätung und abends beim Heimfahren auch, weil angeblich der TGV ihn ausbremst, der aber pünktlich dasteht und auch pünktlich fahren könnte. Roll-treppen/Fahrstühle fallen auch ständig aus. (Das Laufband von Klettpassage zu Königstraße hat nach dreiwöchiger Wartung gleich wieder nicht mehr funktioniert! Nur ein Beispiel von vielen.) Und da will die Bahn uns einen neuen Bahnhof bauen mit nur noch Rolltreppen und Fahrstühlen? Ent-weder hat die Bahn es echt nicht im Griff (dann ist es unsere Pflicht, so einen Pfusch wie S21 zu verhin-dern). Oder die Bahn will uns einen nicht funktionierenden alten Bahnhof „vorspielen“ um uns den neuen als besser zu verkaufen (und sich damit hoffentlich ins eigene Fleisch schneiden). Zum Vergleich im neuen Berliner Hauptbahnhof: Letztes Jahr im Oktober hat die Bahn es den GANZEN Tag nicht fer-tiggebracht, die Hauptrolltreppe wieder zum Laufen zu bekommen. (Oder wollte sie nur die Demozug-reisenden mit viel Gepäck ärgern?) Für immer schlechtere Leistung müssen die Bahnreisenden immer tiefer in die Tasche greifen (Bahn-preise steigen schon wieder und sind europaweit in Deutschland (mit) am teuersten) und so geht es einfach nicht mehr!!!Wir sind friedlich und waren es auch am 20.06.2011. Es gibt genug Videos im Netz, wenn man die Augen und Ohren aufmacht. (Schade, dass Du nicht live dabei warst, sonst wüsstest Du auch, wie die Medien funktionieren, objektiv berichten ist nicht, sondern manipulieren! Bei Dir hat es super funktioniert.) Und was ist mit den Agent Provokateurs, wer zieht die zur Rechenschaft?Die Polizei soll sich erst einmal an der eigenen Nase packen und die unbegründete Aggressivität vom 30.09.2010 aufklären und sich entschuldigen!!!Wir bleiben friedlich, auch wenn immer wieder versucht wird, uns zu kriminalisieren und zu provozie-ren! Während die richtigen Betrüger, Trickser und Lügner (bisher) ungeschoren davon kommen.

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