Zurück nach links?

Ich wundere mich sehr über mich selbst. Als Jugendlicher war ich glühender Verfechter einer gerechteren Welt. Gerechtigkeit nicht nur im nationalen Rahmen, sondern zwangsläufig im internationalen, im globalen Rahmen, sah ich immer als primäres, erstrebenswertes Ziel an. Denn nur eine wirklich gerechte Welt wäre eine wirklich lebenswerte Welt. Meine damaligen Ansichten waren wohl das, was man gemeinhin als „links“ ansieht. Ich studierte Soziologie, arbeitete in der Wissenschaft, seit vielen Jahren nun in der Finanzwirtschaft und merkte, wie ich immer mehr vom linken Idealisten zum gemäßigten Realisten wurde. Ich empfand mich immer stärker als im besten Sinne sozial-liberal. Meine Suche führte mich über die SPD, die mir viel zu wenig liberal war, und über die FDP, die mir viel zu wenig sozial war. Deshalb wählte ich seit jeher Grün – und dachte, dass schon alles soweit in Ordnung sei – mehr oder weniger, im großen und ganzen und unterm Strich.

Doch dann kam Stuttgart21 und öffnete mir die Augen. Je mehr ich mich mit Stuttgart21 beschäftigte, desto mehr merkte ich, dass gar nichts in Ordnung war.  Ungeheuerlich erschienen mir die Zusammenhänge. Der schwarze Donnerstag führte dann schließlich dazu, dass ich mein Vertrauen in den Rechtsstaat endgültig verlor und das Ungeheuerliche für mich immer realistischer, immer tatsächlicher, immer greifbarer wurde. Doch damit nicht genug. Je mehr ich mich mit Stuttgart21, dem Widerstand, den Machtmechanismen und Verfilzungen zwischen Politik, Verbänden und Wirtschaftsunternehmen beschäftigte, desto mehr wurde mir klar, dass die bei Stuttgart21 angewandten Mechanismen einer vollkommen ökonomisierten, kommerzialisierten, rücksichtslosen, postdemokratischen, angeblich alternativlosen Gesellschaft nicht nur auf S21 zutreffen, sondern der Normalfall sind – nicht nur in Deutschland, auch in Europa und inzwischen fast schon weltweit. Und dass sämtliche Parteien darin verwoben sind, Banken, Großkonzerne, ja, inzwischen auch kommunale, nationale und europäische Beamtenaparate, leider sogar die Medien. Heute bin ich wieder an dem Punkt angelangt, an dem ich allem misstraue, Parteien, Politikern, Wirtschaftsführern, Professoren. Ich wähle nicht mehr, hinterfrage alles und kann mich letztlich allein auf meinen Verstand verlassen. Ich weiß nur, dass ich in einer anderen, einer besseren, einer gerechten Welt leben möchte.

Ist das nun ein Schwenk zurück nach links? Bin ich vom Realist zum Idealist, zum linken Phantast oder, wie meine Hausmitbewohner mich wegen meines Engagements betiteln, zum Kommunisten geworden? Nein. Es fühlt sich heute anders an als früher – viel grundsätzlicher, viel existenzieller, viel dringlicher! Und viel größer und schwieriger zu bewältigen! Ich habe das Gefühl, erst jetzt zum Realist geworden zu sein! All diejenigen, die sich vormachen, alles sei in Ordnung in Stuttgart und in Deutschland, sind in meinen Augen Idealisten und Träumer! Sie wollen nicht sehen! Doch wo anfangen für eine bessere Welt? Wo beginnen? S21 ist sicher ein Anfang – aber es gibt darüber hinaus noch so viel mehr zu tun, dass einem ganz schwummrig werden könnte!

Heute las ich Ingo Schulzes Dresdner Rede „Unsere schönen neuen Kleider“ (hier als PDF). Sein Bild bzw. seine Interpretation von Andersens Märchen gefällt mir. Jeder sollte sie lesen! Gerne zischele ich mit und verbreite die offensichtliche Wahrheit, dass der Kaiser in Stuttgart, in Baden-Württemberg, in Deutschland und auch in Europa ja gar nichts an hat – in der Hoffnung, dass irgendwann alle einstimmen, wir wieder uns selbst vertrauen, uns emanzipieren und unsere Lebensbedingungen vom Kopf zurück auf die Beine stellen.

Und zuletzt solidarisiere ich mich ausdrücklich mit den Griechen, den Portugissen und Spaniern, die für morgen zu einem Generalstreik aufgerufen haben. Sie haben wahrlich allen Grund dazu!

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6 Antworten zu Zurück nach links?

  1. dichtbert schreibt:

    Wahre Worte, die mir selbst auch ein Stück weit zeigen, dass ich mit solch einer Entwicklung selbst nich alleine dastehe. Viele Grüße von einem „Wirtschafts“-Informatiker der diesen Text voll & ganz unterschreiben kann. Oben Bleiben!

  2. Uwe Mannke schreibt:

    Der Antagonismus links (Idealismus) und rechts (Realismus) gibt schon lange keine Antwort mehr; und die daraus sich definierende Mitte erst recht nicht. Wir leben in einer materialistischen durch und durch korrupten und damit ohnmächtigen und unfreien Gesellschaft. Das spürt auch jeder von uns an seinem eigenen Leib bis in die Gesundheit. Unsere überproportional größte Gestaltungsleidenschaft lebt sich nur in der Tastatur des PC aus.
    Die Frage ist, wie wir uns, den Menschen, sehen. Mit dem Denken ist er schnell, mit dem Fühlen schon viel unsicherer und langsamer und als Handelnder ist der Mensch eine Schnecke. Oder die Handlung wird ohne Verstand vom Gefühl bestimmt. Entsprechend dem Menschen formt sich die Gesellschaft aus Wissenschaft, demokratischem Rechtsstaat und Wirtschaft. Was bei der Entwicklung des modernen Menschen nicht geleistet wurde, kann für die Sozialgestalt der Gesellschaft nicht entlehnt werden.

  3. planb schreibt:

    „Lustig“, seit S21 muss ich immer an des Kaisers neue Kleider denken an all die Lügen…
    Aber der Kaiser, er ist doch nackt! Und alle spielen mit!

  4. Elisabeth Hecht schreibt:

    Ich möchte auch in einer gerechteren Welt leben und würde meinen Teil gerne dazu beitragen, wie immer er auch aussehen würde. Aktuell werden viele Menschen wachgerüttelt, mehr in anderen Ländern (EU-Länder, die vom DE-System ausgebeutet wurden).
    Das u.a. Video zeigt ganz genau, was und wie Länder unterjocht werden.

    Merkels Regierung will öffentliche Ausstrahlung eines Videos über Portugals Sparpolitik verhindern
    zus. noch interess. Link

    Alles Schall und Rauch: Bilderberg Steering Committee trifft sich in Rom
    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2012/11/bilderberg-steering-committee-trifft.html#ixzz2CCNZssXR
    Dazu passend auch:
    Eine Frau aus der Schweiz steigt sozusagen aus!
    http://www.wearechange.ch/

    Empört euch! Das System spielt gegen uns!
    LG Elisabeth

  5. Liselotte schreibt:

    Manches geht, manches nicht.
    Nicht aufgeben!
    Dranbleibige Grüße vom Bodensee

  6. Horsti schreibt:

    Einfach lächerlich!

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