ΦΔΦ – Verschwörungstheorie oder Verschwörungspraxis? #s21 #phideltaphi

Grundsätzlich ist sicher nichts dagegen einzuwenden, ja es ist sogar nur zutiefst menschlich, wenn man seine Kontakte zu anderen Menschen in allen möglichen Lebenslagen nutzt. Der Mensch ist nun eben einfach ein soziales Wesen. Dieses – neudeutsch Networking genannte – Verhalten gibt es, seitdem es den Menschen selbst gibt. Und selbstverständlich wurde auch immer schon versucht, den Aufbau von Netzwerken zu fördern, sei es durch Vereine, durch Geheimgesellschaften, durch Parteien, durch Religionsgemeinschaften, durch Genossenschaften, durch Burschenschaften, durch Interessenverbände, ja selbst durch Unternehmen, die doch alle immer ein – mal mehr, mal weniger loses – Netzwerk von Personen darstellen, die einen bestimmten Zweck verfolgen und sich zusammen tun, um das wie auch immer gesteckte Ziel zu erreichen.

Was ist nun von einem Netzwerk zu halten, in dem sich viele gewichtige Interessengruppen der Befürworter von Stuttgart21 wiederfinden? Nun, erst einmal ist auch daran nichts auszusetzen, denn es steht ja jedem frei, sich zu vernetzen. Eigenartig wird es aber dann, wenn sich Politiker, Rechtsanwälte, Richter, Vorstände und Aufsichtsräte in einer kleinen, exklusiven Juristen-Vereinigung wiederfinden, die erst seit 2008 existiert (als Gruppe bzw. „Inn“ einer großen amerikanischen „Fraternität“; eine Mitgliedschaft ist möglich, sobald man mindestens ein Semester Jura in Tübingen studiert hat) und in der ein sehr großer Teil der Mitglieder aktiv das Projekt Stuttgart 21 vorantreibt oder aber von dem Projekt direkt und nicht zu knapp profitiert! Die Liste der „Ehrenmitglieder“ dieser Netzwerk-Juristen-Vereinigung (Phi Delta Phi Tübingen) liest sich wie das Who is Who der Projektbefürworter:

Gerd T. Becht (Vorstand Deutsche Bahn AG)
Dr. Hendrik Bednarz (SPD Landesvorstand)
Dr. Adrian Bingel (Kanzlei Gleiss Lutz)
Dr. Armin Brendle (LBBW)
Dr. Ulrich Denzel (Kanzlei Gleiss Lutz)
Dr. Heiner Geißler (Bundesminister a.D.)
Tanja Gönner (Ministerin a.D., Vorsitzende des Aufsichtsrats der Flughafen Stuttgart GmbH)
Dr. Lisa Käckenmeister (Kanzlei Kasper Knacke)
Dr. Stefan Kaufmann (MdB, Kreisvorsitzender der CDU Stuttgart)
Markus Ledwina (Kanzlei Gleiss Lutz)
Dr. Reinhard Löffler (Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag)
Fabian Mayer (Stadtrat der Landeshauptstadt Stuttgart)
Dr. Fritz Oesterle (Aufsichtsrat LBBW)
Dr. Philipp D. Pichler (Kanzlei Gleiss Lutz)
Dr. Wolfgang Schuster (OB der Stadt Stuttgart, Aufsichtsrat der BW-Bank, Flughafen Stuttgart GmbH)
Dr. Felix Tausch (Richter, Staatsminiterium Ba-Wü)
Dr. Roderich C. Thümmel (Aufsichtsrat Herrenknecht AG)
Dr. Christian Walker (Abteilungsleiter Immobilienmanagement der Stadt Stuttgart)
Prof. Dr. Gerhard Wegen (Kanzlei Gleiss Lutz)
Corinna Werwigk-Hertneck (Ministerin a.D.)

Neben einigen Vertretern des Landes und Mitgliedern der ehemaligen Landesregierung ist ein Vorstand der Deutschen Bahn vertreten, ein Aufsichtsrat von Herrenknecht, Aufsichtsräte und Mitarbeiter der LBBW, der Stuttgarter Oberbürgermeister und ausgerechnet die großen Stuttgarter Rechtsanwaltskanzleien Gleiss Lutz und Kasper Knacke, die der ehemaligen Landesregierung einige Gutachten zu dem Projekt S21 lieferten. Darüber hinaus ist auch der schlichte Heiner wieder mit von der Partie. Außerdem gibt es noch den einen oder die andere Richterin auf der Liste, so dass die Verbindungen also sogar bis in die Richterstuben und Gerichtssäle reichen.

Natürlich wird Stuttgart 21 nicht der alleinige Zweck der Vernetzung in dieser „Fraternität“ sein, aber es darf vermutet werden, dass die Vernetzung in dieser Vereinigung durchaus auch dazu dient oder zumindest dazu genutzt wird, Probleme, wie es sie auch bei Stuttgart 21 gibt, zu besprechen und rein informell und möglichst unbürokratisch zu beseitigen. Im Selbstverständnis dieser „Fraternität“ kann man lesen, dass die „Förderung der Mitglieder“ und „Networking“ an vorderer Stelle stehen. Warum sollten sich die „Fratres“ eines solchen Netzwerks bei ihren monatlichen Treffen nicht auch über das Wohl und Wehe von Stuttgart 21 austauschen??? Wer wollte diese naheliegende Möglichkeit verneinen?

Ich finde diese Vereinigung mehr als verdächtig, zumal sich hier Politik, Rechtsprechung und Wirtschaft auf eine Weise vernetzen, wie sie gerade für jegliche Art von Großprojekten gefährlicher nicht sein könnte. Eine derartige Vereinigung steht immer in der akuten Gefahr, statt des offiziellen, transparenten und bürokratisch-korrekten Wegs den ganz kleinen Dienstweg zu fördern.

Umso mehr gilt heute: widerständig, friedlich und oben bleiben!

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12 Antworten zu ΦΔΦ – Verschwörungstheorie oder Verschwörungspraxis? #s21 #phideltaphi

  1. ebse schreibt:

    In meinen Augen ist dies „Filz, wie er leibt und lebt“. Selbstverständlich werden auf diese Art und Weise in der Praxis im Alltag nach meiner ganz persönlichen Wahrnehmung und Einschätzung Entscheidungen beeinflusst. Für mich ist das nix anderes als „Neo-Feudalismus“ – Bestimmen von „oben herab“ aus Machtpositionen, wie diese früher von den Lehnsherren, Grafen, Fürsten, Königen und Kaisern gehalten wurden. Vermutlich ist „irgendwo“ auch die doch so liebenswerte „Kirche“ auch noch involviert. Wetten dass?

  2. holger schreibt:

    Was fuer ein Unsinn!Einer Vereinigung, die eine so niedrige Einstiegsschwelle hat (1 Semester Jura in Tübingen) und deren Mitgliedschaft so öffentlich ist (siehe Liste) kann man keinen Verschwörungscharakter anhängen. Da kann man gleich aus Facebook die passenden Mitglieder auflisten und behaupten, das sei eine finstere Gemeinschaft von Verschwörern für was-auch- immer.PS: Ich habe kein Semester in Tübingen studiert…..

  3. ebse schreibt:

    Nein, nein. Die Einflußmöglichkeiten sind doch eindeutig immens. Da gibt es nicht viel daran zu deuteln. Meine ich. Hauptsache widersprochen? So kommt es mir vor.

  4. holger schreibt:

    @ebsemeine obige Antwort ging nicht primär an Sie. Deshalb noch mal spezifisch:Im Gegensatz zu Fürsten sind bei uns alle Funktionsträger in öffentlichen Machtpositionen auf Zeit gewählt. Und sie wurden in Machtpositionen gewählt, um Einfluß auszuüben = Politik zu machen = unseren Staat zu organisieren und zu führen.Wenn die gewählten Funktionsträger privat in irgendwelchen Organisationen Mitglied sind, und dort ihre Funktion zusätzlich ausüben, was ist daran schlecht? Zumal diese Mitgliedschaft nichtmal geheim ist.

  5. Zwuckelmann schreibt:

    @holger: neben dem einen Semester in Tübingen muss man selbstverständlich ein juristisches Prädikatsexamen vorweisen – so niedrig sind die Hürden also nicht. Mich erstaunt diese Öffentlichkeit, mit der sich dort vernetzt wird – das intern gemauschelt wird, ist klar, dass sich aber eine solche S21-Riege öffentlich zum Netzwerken bekennt, finde ich doch mehr als verdächtig und alles andere als einfach so hinnehmbar. Zumindest kritisch hinterfragen sollte man so etwas schon! Aber richtig, Kritik an den Verhältnissen ist nicht jedermanns Sache, efinacher ist es, Scheuklappen zu tragen.

  6. holger schreibt:

    Na, da rudern Sie aber schnell zurück! Im Blog war noch von Verschwörung die Rede…Ansonsten verstehe ich Ihre Bedenken nicht. Die Funktionsträger tauschen sich natürlich aus, wo auch immer. Sowas erwarte ich einfach. Und je öffentlicher die Kontakte sind, um so besser. Gegen Filz gibts Wahlen. Im übrigen auch für Bahnchef Grube, der sich vor dem Aufsichtsrat verantworten muß und nur eine begrenzte Amtszeit hat.Kritik an den Verhältnissen braucht Fakten, keine Verschwörungstheorien. Oder Ist jemand einfach schon deshalb verdächtig, weil er S21 für gut hält? Wo sitzen denn die Scheuklappen?

  7. Phi Delta Phi - Richard v. Weizsäcker Inn Tübingen schreibt:

    Lieber Zwuckelmann, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,es ist erheiternd und erschreckend zugleich, welche Verschwörungstheorien um Phi Delta Phi – insbesondere das Tübinger Inn – hier bewusst und unbewusst existieren und es zeigt wieder einmal mehr, zu welchen teilweise absurden Meinungen und Behauptungen diese Verschwörungstheorien führen können. Phi Delta Phi hat mitnichten etwas mit Stuttgart 21 zu tun. Es bekennt sich weder für, noch gegen das Projekt an sich, dies ist auch nicht die Intention einer solchen Vereinigung. Die Diskussion um Stuttgart 21 ist emotionsgeladen und vielen unserer Ehrenmitglieder begegnet man – wir möchten es vorsichtig ausdrücken – nicht gerade mit Respekt und Achtung. Diese Meinungsbildung möchten wir auch nicht beeinflussen, immerhin leben in einem Staat mit freier Meinungsäußerung. Allerdings sollte man die Kirche im Dorf lassen, wenn man die Hintergründe der Vereinigung nicht kennt und insbesondere auch nicht, weshalb sich diese Personen im Verzeichnis der Ehrenmitglieder und Alumni finden.Wir möchten die Gelegenheit wahrnehmen, einen kurzen inhaltlichen Einblick zu geben, um diese Verschwörungstheorien, so erheiternd sie auch sein mögen, zu widerlegen. Die Vereinigung hat amerikanische Wurzeln. Ein Inn (so nennen sich die regionalen Gruppen an den Universitäten) wurde im Jahre 2006 an der Bucerius Law School gegründet. Zwei Jahre später, im Jahre 2008, entstand das Tübinger Inn, dem Richard v. Weizsäcker als Namenspaten und Ehrenmitglied zur Seite steht. Das erklärte Ziel von Phi Delta Phi ist die (fachliche und berufliche) Förderung der studentischen Mitglieder sowie die soziale und wissenschaftliche Arbeit (Belege hierzu finden sich ausreichend auf der Internetseite).Nachdem das Inn in Tübingen mit Gründung im Jahre 2008 recht jung ist, hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie man die fachliche Förderung der Mitglieder forcieren kann. So entstand die Idee, eine Alumni-Vereinigung ins Leben zu rufen, welche alle studentischen Mitglieder automatisch angehören, sobald sie in den Beruf „entlassen“ werden, in welche man aber auch Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Staat, etc. mit rechtswissenschaftlichem Hintergrund – zumeist als Ehrenmitglieder – holt. Wenn man sich die Mühe der Recherche macht, wird man feststellen, dass 80% der hier in Rede stehenden „prominenten“ Ehrenmitglieder selbst Rechtswissenschaften in Tübingen studiert haben. Warum ernennt man Ehrenmitglieder aus unterschiedlichen Branchen? Auch diese Frage ist recht einfach zu beantworten. Ein Jurist findet sich nicht zwangsläufig später in einer der großen Sozietäten wieder – viele streben eine Position in der Wirtschaft, beim Staat, oder gar in der Politik an. Somit möchte man den Studierenden eine Bandbreite an Referenzen bieten, die den studentischen Mitgliedern fachlich und mit Informationen zur Seite stehen und diese Plattform natürlich auch dazu verwenden, Werbung für die eigene Kanzlei oder das eigene Unternehmen zu machen – nichts anderes passiert auf einem Karriereevent. Diese Ehrenmitglieder stehen für spannende Vorträge zur Verfügung oder arrangieren Events in den Unternehmen / Kanzleien und fördern dadurch den gegenseitigen Austausch. Eine Großzahl der Ehrenmitglieder haben sich nie persönlich bei einen der Veranstaltungen getroffen, zumal – wie auch jeder von uns weiß – es nur sehr schwer einen Termin finden lässt, wo auch nur eine Mehrheit dieser zur gleichen Zeit am selben Ort sein können. Insofern kann es sehr gut sein, dass die einzelnen hier unter Beschuss stehenden Mitglieder nicht einmal von der Ehrenmitgliedschaft eines anderen wissen. Die Vereinigung ist daher mitnichten als „Hinterzimmer von Pro-S-21“ zu verstehen und distanziert sich hiervon in aller Deutlichkeit. Es liegt doch im Wesen der Sache, dass in dieses Thema Unternehmen, Kanzleien und Politiker involviert sind und diese Personifizierung meist über die Köpfe geschieht, die einer Partei, einem Unternehmen oder einer Kanzlei als Namensgeber vorstehen. Dass diese Personen auch als Ansprechpartner für unsere Intention sachdienlich sind, liegt im Wesen der Sache, hat aber mit S21 nicht das Geringste zu tun. Das Thema Stuttgart 21 wird im Tübinger Inn bewusst nicht thematisiert, da wir – gemäß dem amerikanischen Grundverständnis von Phi Delta Phi – unpolitisch sind und diese Thematik wenig mit unserer Satzung und unseren Zielen zu tun hat.Wir hoffen, wir konnten durch diese Stellungnahme Bedenken und jedwede Verschwörungstheorie entsprechend ausräumen und würden uns indes sehr freuen, wenn Phi Delta Phi zukünftig weniger als „Keimzelle der S-21 Befürworter“ im Licht der Öffentlichkeit steht. Mit besten GrüßenDas Bord von Phi Delta Phi Tübingen

  8. schorsch schreibt:

    Jau. Ich finde Ihre Stellungnahme auch eher erheiternd. Gleichzeitig aber auch etwas – sagen wir mal: schönrednerisch. Dann könnten Sie „die Sache“ ja auch auflösen, wenn es so wenich nützt. Denn privat zu Hause können Sie sich ja immer mal treffen. Nicht wahr.

  9. ebse schreibt:

    Ich oder nicht ich. Spielt doch keine Rollex. Es geht um die Bedeutung.

  10. Zwuckelmann schreibt:

    Liebes Bord von Phi Delta Phi, vielen Dank für die ausführlichen Worte. Ob sie überzeugen oder nicht, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Ich für meinen Teil hänge Ihre Fraternität nicht wirklich hoch, denn ich glaube, dass Befürworter wie Gegner genügend Plattformen haben, sich zu vernetzen, dazu braucht es Phi Delta Phi ganz sicher nicht. Deshalb kann ich Ihre Versicherung auch nachvollziehen, dass sich viele Ihrer Ehrenmitglieder noch nie auf einer Versammlung getroffen haben. Ich finde es dennoch erstaunlich, wenn ich mir die Namen ansehe. In Tübingen studieren so viele Leute Jura und in Ba-Wü gibt es so sehr viele Unternehmen, in denen Juristen aus Tübingen arbeiten. Und dennoch findet sich in Ihrem illustren Kreis genau die unheilige Allianz der Projektverantwortlichen, -unterstützer und -profiteure wieder und demgegenüber relativ wenig unbeteiligte andere Personen bzw. Unternehmen. Ich bleibe dabei: ich finde, das stinkt zum Himmel – selbst wenn, und das glaube ich Ihnen, in Ihrem Selbstverständnis, in Ihren Veranstaltungen und in Ihrem Namen Politik und S21 kein Thema ist. Es ist eben ein klitzekleines Puzzlesteines, das sich so hervorragend in ein großes Gesamtbild fügen würde, das ich geneigt bin, es in das Gesamtbild einzufügen.

  11. Zwuckelmann schreibt:

    Puzzlesteinchen sollte es heißen

  12. Zwuckelmann schreibt:

    Der Kommentar des angeblichen Phi-Delta-Phi-Board-Mitglieds habe ich auf Wunsch eines anderen Board-Mitglieds gelöscht.

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