08.02.2011 #s21 #k21 Bericht über die „Baumversetzung“ bei Nacht und Nebel am Nordflügel

Wie absurd ist das denn, um 4 Uhr morgens Bäume unter massivem Schutz von mehreren Polizei-Hundertschaften auszubuddeln und irgendwo im Stadtgebiet wieder einzupflanzen? Wo leben wir denn? Wie lange kann das gehen? Wir geben nicht auf! Wir fordern einen Baustopp, bis bewiesen ist, dass der Bahnhof die Leistungsfähigkeit hat, die er laut Bahn haben soll! Wir fordern einen Baustopp, bis die Planfeststellungsbeschlüsse rechtskräftig sind! Bei Stuttgart21 werden Fakten geschaffen, so dass ein möglicher Ausstieg immer unmöglicher wird, was für mich und für viele andere absolut nicht akzeptabel ist!

 

Nachdem die Bahn gestern angekündigt hat, dass sie heute mit der Verpflanzung der Bäume am Nordflügel beginnen will, war klar, dass bereits in der Nacht die Polizei anrücken würde, um das Gebiet um die betroffenen Bäume abzusperren. Bis drei Uhr nachts war es ruhig, ca. 300 Parkschützer fanden sich schon abends und teilweise direkt nach der Montagsdemo auf dem Kurt-Georg-Kiesinger-Platz ein. Einige Bäume wurden von Aktivisten besetzt. Kurz vor drei wurde gemeldet, dass die Polizei im Mercure-Hotel früh- und gleich darauf wahrscheinlich anrücke. Das Polizeiaufgebot war ja bereits gestern in Stuttgart enorm groß, so dass wir vorgewarnt waren.

Und tatsächlich ging es um 4 Uhr los. Vom Pariser Platz durch die LBBW, vom Südflügel durch den Haupbahnhof und von der Heilbronner Straße kamen mehrere Hundertschaften angefahren oder anmarschiert, eine gespenstige Szenerie in der Halbdunkelheit. Die Heilbronner Straße war komplett in beide Richtungen gesperrt. Der Großteil der Demonstranten hatte sich an die Einfahrt zum Parkplatz gestellt und die Einfahrt mit Mülltonnen, Paletten und sonstigem verbarrikadiert. Nachdem der Platz umstellt war, kam die Heilbronner Straße entgegen der Fahrtrichtung der Tross der Baufahrzeuge, geschützt von mehreren Polizeiketten. Mir kam dieser Anblick sehr bekannt vor, nur dass am 30.09. keine Baufahrzeuge hinter den Polizeiketten kamen, sondern Wasserwerfer. Ziemlich schnell wurde die Heilbronner Straße von 30 Sitzblockierern gesperrt, so dass die Fahrzeuge nicht weiter kamen. Dann kam ein Lautsprecherwagen bis an die Blockierer herangefahren und ein Polizist sagte sein Sprüchlein auf. Dieses wiederholte er drei, vier Mal, dann rückten Polizisten an, um die Blockierer wegzutragen. Eine weitere Parallele zum 30.09., die nicht unbedingt zur Deeskalation beigetrug: Einige Polizisten hatten Reizgas an ihrem Gürtel hängen, und besonders zimperlich gingen sie auch nicht mit den Blockierern um.

Während der Blockade der Heilbronner Straße gelang es der Polizei die Einfahrt immer weiter mit Hamburger Gittern abzuriegeln. Auch hier gab es Rempeleien. Insgesamt und soweit ich es übersehen konnte, verlief der Polizeieinsatz aber ohne Einsatz von Schlagstöcken oder Pfefferspray. Nachdem die Blockade auf der Heilbronner Straße geräumt war, fuhr der Tross auf die Einfahrt zu. Auch hier wurde relativ schnell geräumt – übrigens genauso wie die Heilbronner Straße im Namen und Auftrag der Stadt Stuttgart, wie der Polizist immer wieder durch sein Megaphon verlauten ließ (?) Hm, dabei befand man sich auf Bahngelände.

Ein LKW mit Absperrgittern, der auf der Heilbronner Straße neben dem Parkplatz ganz zu Anfang bereits gestoppt wurde, wurde besetzt. Zwei wagemutige Parkschützer ketteten sich unter dem LKW fest und waren eine große und schwierige Aufgabe für die Polizei. An diesem LKW wurde durch die Demonstranten die Heilbronner Straße kurzzeitig bis auf eine Fahrspur verengt, bis die Polizei die Demonstranten auf die Seite drängte. Es dauerte noch Stunden, bis die Polizeispezialisten den LKW von den Festgeketteten befreit hatten.

Schließlich fuhren die Baumverpflanzungsmaschinen in den abgesperrten Baustellenbereich des Nordflügels ein, während die Polizei versuchte, die Stellung rund um die betroffenen Bäume zu sichern. Es dauerte keine halbe Stunde, da wackelte die erste Baumkrone im Baustellenbereich, der Baum wuchs einige Meter an, legte sich dann leicht schräg und schrumpfte wieder in sich zusammen. Skurril, dieses Schauspiel! Der Baum wurde schließlich ganz auf das Fahrzeug umgelegt und war somit für den Abtransport bereit. Die Menge tobte und stürmte an den Bauzaun, der stark wackelte. Ziemlich schnell wurde vor und hinter dem Bauzaun eine Polizeikette gebildet, die den Zaun schützen sollte. Dasselbe Schauspiel geschah dann mit dem zweiten Baum.

Eine halbe bis dreiviertel Stunde später fuhren die Fahrzeuge aus der Baustelle heraus und durch die Polizeiabsperrung in den Tunnel unter der LBBW hindurch auf und davon. Später erfuhren wir, dass die beiden ersten Bäume wohl am Wasen eingepflanzt wurden – und dass die Ausgrabmaschinen auf dem Rückweg zum Nordflügel seien. Kurz darauf kamen sie ziemlich schnell und entgegen der Fahrtrichtung wieder aus dem LBBW-Tunnel heraus und fuhren rasant und unter lautem Getöse der Demonstranten zurück in den Baustellenbereich. Eine spontane Sperrung der Heilbronner Straße durch Demonstranten wurde durch die Polizei sehr brutal zurückgedrängt, damit der Verkehr ungehindert fließen konnte.

Dann beruhigte sich die Lage etwas, die Polizei hing rum, die Demonstranten wurden weniger und verteilten sich etwas, es gab aber auch zahlreiche Gespräche zwischen Polizisten und Demonstranten, was ich sehr gut fand.

Inzwischen, während ich dies schreibe, ist Baum Nr. 3 ausgebuddelt, Baum Nr. 4 folgt wohl demnächst. Diese befinden sich allerdings alle im bereits abgesperrten Bereich, so dass wir außer Krach machen, wenig dagegen tun können.

Fazit: es war gut, dass wir so viele vor Ort waren. Ich hätte mir aber gewünscht, dass wesentlich mehr vor Ort gewesen wären, zumal um 3:30 und um 6:00 jeweils Parkschützer-Alarme per SMS ausgelöst wurden, die tausende Parkschützer erreicht haben. Warum wir am Ende trotzdem nur einige hundert waren, war schade – zumal wir so schlagkräftig sein könnten, wenn tausende Parkschützer auf dem Platz gestanden hätten! Ich fragte mich nur: Worauf warten die 32.000 Parkschützer?

Jetzt bleibt zu hoffen, dass wir das Durchhaltevermögen besitzen und heute und in den kommenden Nächten und Tagen genauso stören! An alle, die heute nicht am Nordflügel waren: gebt Euch einen Ruck! Es ist nie zu spät! Wir sind die Guten! Wir müssen für den Erhalt des Bahnhofs aufstehen! Wir sind nur erfolgreich, wenn wir viele sind! Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht jeder einzelne von uns? JETZT!

  

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2 Antworten zu 08.02.2011 #s21 #k21 Bericht über die „Baumversetzung“ bei Nacht und Nebel am Nordflügel

  1. Peter M. schreibt:

    Ich verstehe ja den Frust der Aktiven, denke aber, dass dies überwiegend zu Unverständnis bei den eher neutralen Baden-Württembergern führt bzw. zur Mobilisierung der CDU-Stammwählerschaft. D.h. im Endeffekt zum Vorteil der CDU bei den bevorstehenden Wahlen…

  2. Kaffe_Kanne schreibt:

    Hallo,gabs wirklich 2 SMS Alarme? Hab nur einen um 6 bekommen… danke für deine Berichte! Hätte ich nur meine Prüfungen rum dann wäre ich so gern bei euch.

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