Ich verstehe nur noch Bahnhof

Seit Monaten beschäftigt mich das Thema Stuttgart 21. Auch wenn es viele nicht mehr hören können, lässt es mir keine Ruhe. Nicht nur, weil ich nahe am Schlossgarten wohne, im Sommer jede freie Minute dort verbringe, jeden Morgen und jeden Abend durch ihn zur Arbeit laufe, sondern auch und vor allem, weil ich am 30. September 2010, am schwarzen Donnerstag von früh an im Schlossgarten war und das gesamte Drama, die Brutalität der Polizei, die Ohnmacht der Bürger live miterlebt habe. Direkt von der Arbeit bin ich dem Parkschützeralarm gefolgt und stand wenige Minuten später einer hochgerüsteten Hundertschaft im Schlossgarten gegenüber, kaum zwei Stunden später zwei Wasserwerfern, die sich den Weg durch die Sitzblockade frästen und zwischendurch immer auch wieder Salven in den Park an Unbeteiligte abgaben. Die Situation war so absurd! Ich stand in Anzug und Krawatte neben alten Frauen, kleinen Kindern, Studenten und Menschen wie du und ich vor Wasserwerfern, zu deren Füßen sich eine Armada von ganz in schwarz gepanzerten Polizisten befand, die mit Schlagstöcken und Tränengas die Wasserwerfer tatkräftig mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln brutal unterstützten. Eine solche Erfahrung prägt, und sie beschäft mich selbst heute noch sehr, und umso mehr, wo es noch immer keine offizielle Entschuldigung für das Geschehene gibt, die wirklich Verantwortlichen ihre Verantwortung weiterhin ablehnen, noch immer täglich aufs neue Opfer zu Tätern gemacht werden und auch der Untersuchungsausschuss wahrscheinlich zu keiner endgültigen Klärung führt. Es ist eine bittere Erkenntnis, das wahrscheinlich niemand für diesen Einsatz zur Verantwortung gezogen wird und die Opfer, zu denen ich mich auch zähle, mit diesem wiederfahrenen Unrecht leben müssen.

Stuttgart 21 hat mir die Augen geöffnet, hat mich politisiert und radikalisiert wie kaum ein anderes Ereignis. Politisch interessiert und engagiert war ich schon von Jugend an, aber immer sehr zurückhaltend und moderat. Seit Monaten nun lasse ich kaum eine Demonstration ausfallen, trage jeden Tag um 19 Uhr meinen Teil zum Schwabenstreich bei, informiere mich, spende Geld und Lebensmittel, verteile Infomaterial und erkenne mich auch sonst kaum wieder. Wenn der 30. September etwas gutes hatte, dann diesen Effekt! Und das nicht nur bei mir, sondern (hoffentlich) bei tausenden anderen Leuten auch. Damit wir die Vernunft ins Land tragen und im März bei den Landtagswahlen für einen Wechsel der Regierung, vielleicht auch des Politikstils und des Demokratieverständnisses sorgen!

Oben bleiben!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Unkategorisiert abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s